Rabbit zum Glücklichsein

Man nehme: Zeit, einen bequemen Sessel, scheußliches Regenwetter

Optional: Die Erinnerung an einen Urlaub in den USA

Seit dem Film „Die Hexen von Eastwick“ kennen wohl auch weniger lesefreudige Menschen den amerikanischen Autoren und Pulitzer-Preisträger John Updike. Und obwohl mir Literatur aus dem 19.Jahrhundert (Dostojewski, Tolstoi, Flaubert, Zola, Dickens, etc…) am liebsten ist: John Updike hat einfach ein großartiges Gespür für seine Mitmenschen und einen ganz feinen Humor, der auch dann noch durchkommt, wenn er die größtmöglichen Katastrophen beschreibt.

Empfehlen will ich hier aber nicht die „Hexen von Eastwick“ (das Buch kenne ich nicht), sondern die Rabbit-Reihe, die aus insgesamt 5 Büchern besteht.

Rabbit, das ist eigentlich Harry Angstrom. Jeder Band erzählt mit einem Abstand von circa 10 Jahren etwas aus Rabbits Leben, beginnend mit den 50er Jahren. Angstrom ist ein typischer Amerikaner aus der Arbeiterschicht: Der Vater ist Drucker, die Mutter Hausfrau und die jüngere Schwester tödlich gelangweilt von der miefigen Enge Pennsylvanias (der sie dann schließlich durch einen Job als Edel-Prostituierte entflieht, was aber im Buch nur dezent angedeutet wird).

Bereits zur Highschool-Zeit erlebt Rabbit den Höhepunkt seines Lebens und bringt es als Basketball-Ass (Schwarze spielten in den 1940er Jahren noch nicht Basketball) zu lokaler Berühmtheit. Was seine Jugendliebe aber nicht daran hindert, einen anderen zu heiraten, als Rabbit zum Militär muss.

Eher aus Zufall (oder weil sie schwanger ist?) scheint Rabbit dann die schüchterne Janice Springer zu heiraten, deren Vater die örtliche Toyota-Vertretung gehört.

Und damit nehmen der Wohlstand, aber auch die kleinen und großen Katastrophen ihren Lauf: Am Anfang der Ehe lebt Rabbit monatelang mit seiner Geliebten, einer Gelegenheitsprostituierten zusammen, Janice lässt aus Versehen das zweite Kind, eine Tochter, in der Badewanne ertrinken.

Jahre später revanchiert sich dann Janice mit einer lang andauernden Affäre mit dem griechischen Autoverkäufer aus der Toyota-Vertretung ihres Vaters, während Rabbit aus seinem Haus eine Art Kommune macht und sowohl eine drogensüchtige Minderjährige als auch ihren afroamerikanischen (ich hoffe, das ist politisch korrekt!) Freund bei sich aufnimmt.

Natürlich bleibt das Verhältnis zu dem entlaufenen Teenager kein platonisches…und natürlich endet die ménage à trois in einer Katastrophe, die nicht alle überleben werden.

Dass Nelson (erstgeborener Sohn und einziges Kind) bei diesen Verhältnissen nicht normal werden kann, scheint logisch. Und so kann der Leser dann gespannt verfolgen, wie Nelsons Drogensucht fast das gesamt Springersche Vermögen in Nichts auflöst.

Beeindruckend ist, dass trotz Rabbits zahlreicher Affären die Ehe nie wirklich gefährdet ist. Rabbit versucht zwar immer wieder durch Fluchtversuche und Affären seinem langweiligen, vorbestimmten Leben zu entfliehen, aber letztendlich ist es die Bequemlichkeit, die ihn immer wieder vor dem entscheidenden Schritt und der endgültigen Trennung zurückhält.

Und letztendlich macht Harry Angstrom ja auch immer genau das, was er will und wirkt glücklich, weil er sich über sein Handeln nie wirklich Gedanken zu macht.

Trotzdem hat alle Bequemlichkeit am Ende eine Konsequenz.  Am Schluß des vierten Romans fordern sein unsteter Lebenswandel und die vielen überflüssigen Pfunde ihren Tribut: Rabbit stirbt im Alter von 56 Jahren. Nicht, ohne vorher noch einmal die letzte Flucht seines Lebens unternommen zu haben, nachdem sein Fehltritt mit der eigenen Schwiegertochter bekannt geworden ist.

Obwohl Rabbit im 5. Band bereits tot ist, ist seine Anwesenheit trotzdem ständig zu spüren, überlagert seine Persönlichkeit immer noch das Leben seiner Mitmenschen.

Fazit: Was hier klingt wie Sodom und Gomorrha für Arme sind 5 unterhaltsam geschriebene Romane, die einem das amerikanische Lebensgefühl näher bringen und die trotz der tragischen Ereignisse immer wieder zum Schmunzeln verleiten.

Was bleibt, ist die heimlich Bewunderung für einen Menschen, der trotz diverser Katastrophen nie den Spaß am Leben verloren hat und der wahrscheinlich glücklich war, weil er sich selbst nie analysiert und in Frage gestellt hat.

Braucht also jeder Mensch zum Glücklichsein nur ein bisschen was von Rabbit?

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