Einfach mal abschalten

Wenn ich mich abends vor den Fernseher setze, tue ich das nicht, weil ich mich geistig weiterbilden will, sondern weil ich zu müde zum Lesen, Denken, Joggen oder einer anderen sinnvollen Beschäftigung bin. Gestern Abend war ich zusätzlich auch nur mäßig gut gelaunt. Und so beschloss ich, meine schlechte Laune richtig auszuleben und „Raus aus den Schulden zu gucken“. Das ist die Serie, bei der der Schuldnerberater Peter Zwegat in akribischer Kleinarbeit die Ausgaben der Schuldnerfamilie auf einem Flipchart zusammenzählt, um dann festzustellen, was der Familie noch nie aufgefallen ist: Die Ausgaben sind deutlich höher als die Einnahmen. Womit diese Sendung doch einen Bildungsanspruch hat: Sie erklärt das Zustandekommen von Schulden…

Ich kam dann auf die glorreiche Idee, diese Serie in der Masochisten-Variante anzugucken, d.h.: die komplette Sendung sehen, ohne vorher den Fernseher auszumachen oder umzuschalten. Was ist schließlich schon eine Stunde gemessen an der gesamten Lebenszeit?

Beim ersten Blick auf die Schuldnerfamilie war klar, dass 60 Minuten sehr lang werden können. Die Schuldnerfamilie waren: Eine ständig kichernde Wuchtbrumme, ein unscheinbarer Familienvater mit rumänisch-deutschen Eltern und zwei bedauernswerte Kinder.

Während er Tag für Tag für nur 1000 Euro netto arbeiten geht, hat seine gut genährte Ehefrau einen wirklich anstrengenden Powertag vor sich: ausschlafen – rauchen – Kinder vor den Fernseher setzen – Fastfood essen gehen – rauchen – am Computer spielen – schlafen – rauchen – essen.

Da bleibt natürlich kaum Zeit für Freizeit und so angenehme Dinge wie putzen oder sich einen Überblick über die finanzielle Situation zu verschaffen.

Irgendwann zog mein Hirn dann doch die Notbremse. Ich schlief auf dem Sofa ein und bekam nicht mit, ob sich am „spannenden“ Alltag der Familie etwas änderte. Ich vermute eher nicht.

Was mich im Nachhinein aber noch mehr erschreckt als diese Familie sind die Menschen, die vor dem Fernseher hocken. Natürlich kann es bei einem Volk von ca. 85 Millionen nicht nur intelligente Menschen geben. Aber was treibt jede Woche 3 bis 4 Millionen Menschen vor den Fernseher? Ist das die Freude über die Dummheit anderer Menschen? Eine Art morbider Faszination?

Ich fand’s gestern auf jeden Fall ähnlich unterhaltsam wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Und bewundere aufrichtig Peter Zwegat: Wie schafft dieser Mann es nur, so höflich und leise zu bleiben?

 

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