Die lieben Kollegen…

Januar 16, 2009

Nicht immer hat man es mit seinen Freunden und Bekannten leicht. Eine gute Freundin von mir ist zum Beispiel der netteste und erträglichste Mensch der Welt – bis die Sprache auf ihre Arbeit kommt. Wenn ich ihren Worten Glauben schenken darf, ist sie die einzige in ihrer Firma, die etwas arbeitet und einen IQ größer als eine Banane hat.

Da ich mir eigentlich fast jeden Tag neue Geschichten aus der Firma anhören darf und etwas über Menschen erzählt bekomme, die ich nicht kenne, habe ich mich entschlossen, dass ich Euch daran teilhaben lassen werde. Schließlich gilt: Geteiltes Leid ist halbes Leid! Außerdem finde ich, dass manche Erlebnisse einen hohen Skurrilitäts-Faktor haben. Meine Freundin schwört übrigens, dass sich alles genauso zugetragen hat, sie nicht die kleinste Begebenheit erfunden oder übertrieben darstellt.

Was macht meine Freundin – ich werde Sie der Einfachheit halber Frau X. nennen – eigentlich den ganzen Tag? Frau X. arbeitet in einer Marketingabteilung einer mittelgroßen IT-Firma und ist meist damit beschäftigt, PR-Texte für die Presse zu schreiben, Handbücher in eine verständliche Sprache zu bringen, Events zu organisieren etc.
Der Großteil ihrer Arbeit geht also mit dem Verfassen von Texten drauf. Gestern bekam sie von einem Kollegen – nennen wir ihn Herr Y. – der im Prinzip genau dieselbe Arbeit wie Frau X. macht, in der Firmenhierarchie aber eher unter ihr steht, diesen Telefonanruf:

Herr Y.: „Hallo Frau X., ich habe gerade etwas ganz interessantes für das Konzept, dass wir für Firma XYZ machen sollen im Internet gefunden.“

Frau X.: „Ja…?“

Herr Y.: „Ich rufe nur an, weil ich keine Lust habe, Dir so eine normale Mail mit Anrede und Abschiedsgruß und einer Beschreibung, um was es geht, zu schicken. Ich hoffe, das ist okay.“

Frau X.: „???“

Herr Y.: „Also ich schick Dir einfach zwei Links, die auf Webseiten führen, die genau die Infos haben, die wir für das Konzept brauchen.“

Frau X.: „Um was geht es denn?“

Herr Y.: „Das wirst Du dann sofort sehen.“

Frau X. (will den Kollegen, der im Regelfall immer gerne und viel redet, schnell loswerden).: „Gut, dann schick mal rüber.“

Das funktionierte dann weniger einfach als gedacht, weil Outlook in der Mail eine potenziell unsichere Anlage gefunden und diese geblockt hatte. Aber beim zweiten Versuch war die Mail dann endlich da.

Als Frau X. neugierig den ersten Link in der Mail anklickte, sah sie folgendes: Eine zweizeilige englische Vorstellung von einem Tool und ungefähr 60 Zeilen Programmier-Code. Wie gesagt, Frau X. arbeitet nur in einer IT-Firma, ist aber kein Programmierer, sondern nur für die externe Kommunikation zuständig.

Interessant: Nachdem Frau X. eine halbwegs freundliche Mail an den Kollegen schrieb, die die Worte „kryptisch“, „wofür gut?“, „erklären“ enthielt, fiel Herrn Y. plötzlich ein, dass Frau X. ja in der letzten Woche auch schon Vorschläge zu dem Thema gemach hätte, die er zwar noch nicht gelesen hätte, die aber sicher sehr viel besser seien.

Ja, manchmal ertappe ich mich dabei, dass mir Frau X. doch Leid tut. Und dass ich froh bin über meine Kollegen. Die nerven zwar manchmal auch, aber so seltsame Anrufe bekomme ich zum Glück nie.