Schwanger geht immer

März 16, 2010

Das schönste an der CeBIT ist die Hoffnung danach.  Die Hoffnung darauf, nicht Opfer der heimtückischen CeBIT-Grippe zu werden. Bis Mittwoch letzter Woche habe ich es wenigstens noch in die Arbeit geschafft, aber danach ging nichts mehr. Dafür kann ich jetzt die Frage beantworten: Kann man 4 Tage hintereinander im Bett liegen, auch wenn man sonst noch nicht einmal am Wochenende ausschlafen kann? Antwort: Man kann!

Gestern, am Tag 1 nach der CeBIT-Grippe der Arbeit und ca. 12 Stunden Arbeiten am Stück habe ich mir dann ernsthaft die Frage gestellt, ob Sklaverei nicht eigentlich schon abgeschafft worden ist. Was ich besonders an gut 12 Stunden Arbeit am Stück hasse: Wenn Kollegen, die pünktlich nach 7,5 Stunden Arbeit den Bleistift fallen lassen, die Verursacher sind. In diesem Zusammenhang finde ich übrigens folgendes Zitat sehr schön: „Der Stumpfsinnige, der nicht spricht, ist immer noch erträglicher als der Dumme, der nicht schweigen kann“ (stammt angeblich von Nicolas-Sébastian de Chamfort).

Dieses Zitat passte aber auch fantastisch zu meinem heutigen Morgen. Ganze 5 Stationen hatte ich himmlische Ruhe. Die S-Bahn war relativ leer und ich konnte ganz in Ruhe lesen (Foma Gordejew von Maxim Gorki. Ich spreche zwar kein russisch, finde russische Autoren aber wirklich genial). Bis ich plötzlich hysterisch schwatzende Mädchenstimmen hörte und dachte: „Geht weg!“

Das hätte ich wohl besser laut gesagt, denn wo setzen sie sich hin? Genau! Genau mir gegenüber. Dann entspann sich folgendes inhaltsschweres Gespräch:

„Ich muss mal pi…[piep]….“

„Nerv  mi nätt! Dann wärste halt eben gegangen.“

„Da musste ich noch nicht. Dann geh ich halt hier.“

„In der S-Bahn ist kein Klo.“

„Sch…[piep]-S-Bahn. Ey, man, was solln das?! Da zahl ich fu….[piep]ing viel Kohle für das Sch…[piep]-Ticket und dann ist hier noch nicht mal ein Klo.“

„Nerv nätt!“

„Ey und Hunger habe ich auch. Ich könnt jetzt alles fressen.“

„Machste doch sonst aus. Und dann ko…[piep] alles wieder aus.“

„Ey, Du bist auch so eine alte Fo…[piep].“

„Selber!“

Ja, so ging’s dann weiter. Was waren gegen solche Probleme schon die von Forma Gordejew? Na gut, manch russischee Romanheld hätte an meiner Stelle wahrscheinlich ein Kapitalverbrechen begangen, ich versuchte das Gespräch einfach zu überhören, was aufgrund der Stimmfrequenz eher weniger gut gelang.

Etwas später:

„Und auf die Sch…[piep]penne] habe ich auch keinen Bock. Der olle Sch…[piep]lutscher kann mich mal. Ständig diese be…[piep]enen Hausaufgaben, als wenn man nichts anderes vorhätte.“

„Dann schwänz halt.“

„Geht nicht, habe schon zu viele Fehlstunden. Meine Alten machen voll Streß, wenn noch mal jemand von der Schule anruft.“

„Dann sag, du bist schwanger und musst zum Arzt.“

„Hab ich vor zwei Monaten schon gemacht.“

„Dann sag halt, dass Du jetzt bei der Abtreibung warst.“

„Hab ich vor einem Monat gemacht.“

„Dann sag halt, dass Du wieder schwanger bist.“

„Gute Idee!“

Dieses Gespräch kann eigentlich stellvertretend für die ganzen anderen Gespräche stehen, die ich so am Morgen erleiden muss – ob ich will oder nicht. Was mich langsam zu der Frage bringt: Werden die Menschen immer dümmer oder werde ich mit zunehmendem Alter immer empfindlicher?

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Aus dem Leben eines vom Warnstreik Betroffenen…

Februar 27, 2009

Sehr geehrte Münchner Verkehrsgesellschaft,

wenn ich dafür nicht zu alt und weise wäre, würde ich mir umgehend Graffiti-Sprühdosen besorgen. Damit würde ich dann an alle mir erreichbaren Busse, Tramwagen und U-Bahnen sprühen: „Die MVG ist doof.“

Weil das meinem Wesen aber nicht angemessen ist, schreibe ich Euch einen Brief. Vielleicht entdeckt Ihr ihn ja.

Ich möchte Euch mitteilen, dass ich den heutigen Warnstreik im höchsten Grade unprofessionell und nervig finde.  Wenn Ihr in Zukunft zu spät kommt, werde ich Euch nicht mehr vor Mitmenschen, die sich über Euch aufregen, in Schutz nehmen.

Meine leeren Bäckertüten werde ich in Zukunft nicht mehr mitnehmen, sondern in den stets überfüllten Mülleimer knautschen. Das dürft Ihr dann sauber machen.

Menschen aus bildungsfernen Schichten, die mutwillig gegen Eure Türen treten, werde ich nicht mehr mit einem mahnenden Blick bedenken.

Außerdem werde ich überddenken, ob ich weiterhin 720 Euro pro Jahr in Euch investiere. Unpünktlichkeit und Unzuverläsigkeit bekomme ich auch für weniger Geld.

Wofür ich Euch ganz besonders danken möchte, ist das heutige Wetter: Habt Ihr gewusst, dass es heute fast den ganzen Tag regnen wird?

Und ich danke Euch auch dafür, dass ich nachher einen halbe Stunde durch den Regen laufen darf, um meine S-Bahn zu bekommen.  – Vielen Dank übrigens, dass die S-Bahn nicht mitstreikt (sonst würde ich locker 6-7 Stunden durch den Regen stapfen).

Einen lieben Dank auch für die Person, die mich heute Morgen mit dem Auto in die Arbeit gefahren hat (MVG, Ihr seht, ich weiß mich zu wehren!).

Ja, sehr geehrte MVG (=Münchner Verkehrsgesellschaft), das wollte ich Euch alles eimal schriftlich mitteilen. Da Ihr wahrscheinlich nicht versteht, was Ironie oder Sarkasmus ist, hier noch einmal meine Meinung ohne alle Schnörkel:  IHR NERVT! (noch mehr als Fasching)

Viele Grüße,

Jantar (auch schon einige Zeit ohne Lohnerhöhung lebend…)


Andere Mitmenschen, sofort!

Februar 6, 2009

Manchmal wünsche ich mir wirklich andere Mitmenschen. Zum Beispiel dann, wenn ich trotz Erkältung, Halsschmerzen und wenig Schlaf beschlossen habe, doch aus dem Bett zu klettern und in die Arbeit zu fahren und dann in der S-Bahn auf seltsame Menschen treffe. Wie heute morgen. Nur durch den Mittelgang von mir getrennt saß eine unscheinbar wirkende Frau, die mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen wäre. Bis sie das Handy in die Hand nahm und ich folgendem Gespräch lauschen durfte:

„Ja, guten Morgen. Ich bräuchte nächste Woche eine Magenspiegelung.“
Pause, lautes Sprechen am anderen Ende der Leitung.
„ Ja, das ist mir schon klar. Kein Problem.“
Wieder lautes Sprechen am anderen Ende.
„Nein. Ja. Ich komme zu Fuß oder mit dem Bus.“
Person am anderen Ende schreit wieder in den Hörer (wenn ich mir Mühe gegeben hätte, hätte ich wahrscheinlich die Worte des Gesprächsteilnehmers auch noch gehört).
„Ja, Psychopharmaka.“
Pause.
„Aber die muss ich erst nach dem Frühstück nehmen. Äh, wie lange darf ich denn abends noch etwas? – Okay, gut, habe ich mir schon gedacht.“
Zuhören, zuhören.
„Abends nehme ich dann auch noch etwas zum Einschlafen.“ Zuhören. „Ja, gut, mache ich.“

Ich versuche verzweifelt den Absatz, den ich schon seit ungefähr 5 Minuten vor Augen, zu Ende zu lesen. Vergeblich.

Längere Pause. Vielleicht das Ende des Telefonats? Nein!

„Ja und dann brauche ich noch einen Ultraschall. Schaffen wir das auch nächste Woche oder soll ich noch einmal wiederkommen?“

Pause, Pause, Pause.

„Ja, gut, dann lasse ich mir nächste Woche einen Termin geben. Bis dann“
Aufgelegt.

Ich atme ganz leise durch. Und frage mich, ob die ganze Welt immer verrückter wird…


Seltsames am Morgen

Januar 29, 2009

Die Bahn streikt mal wieder. Vornehmlich in Süddeutschland. Zum Glück scheint davon die Münchener S-Bahn (gehört auch zur Deutschen Bahn) nicht betroffen. Meine fuhr auf jeden Fall gewohnt pünktlich, was in München eher eine Seltenheit ist.

Zwei Stationen lang konnte ich die weiße Winterlandschaft genießen beziehungsweise musste ich die weiße Winterlandschaft genießen. Mein Buch – wirklich wichtig bei einer 1/2-stündigen Anfahrt in die Arbeit – steckte nämlich nicht in meiner Tasche. Nach zwei Stationen war dann aber Schluss mit der Ruhe.

Neben mich zwängt sich eine etwas aufdringlich duftende Frau, die beim Hinsetzen natürlich erst mich und dann den Sitzplatz trifft. Keine Entschuldigung. 5 Sekunden lang geschieht nichts. Dann: Tasche auf, große Kramerei, Tasche zu, Tasche auf, große Kramerei,…..

Wieder 5 Sekunden Ruhe. Dann: Ein präziser Ellenbogencheck, der mich genau in die Seite trifft. Keine Entschuldigung. Leichtes Gewackel und Geschnaufe auf dem Platz neben mir. Ich riskiere einen vorsichtigen Blick zur Seite und sehe: 1 offene Puderdose und einen riesigen Puderpinsel. Ich bin überrascht. Mein Gegenüber anscheinend auch. Minuten vergehen. Das Gewackel wird stärker, das Schnaufen auch. Ich riskiere wieder einen Blick und sehe nun 3 offene Puderdosen, 2 riesige Puderpinsel, einen kleinen Puderpinsel und eine offene Tube Wimperntusche. Ich suche nach der versteckten Kamera. Keine da.

7 S-Bahnstationen = 15 Minuten später wurde ich endlich erlöst. Ich musste aussteigen. Zwischendurch wurde ich noch Zeuge von ausführlichem Haare frisieren und Anbringen von diversen Schmuckstücken. Ich bin echt froh, dass die gute Frau wenigstens zu Hause geduscht zu haben scheint. Aber wahrscheinlich liegen portable Miniduschen einfach noch nicht im Trend.

Ich bin aber stark am Überlegen, ob ich mir ab morgen ein Schild mit folgendem Text um den Hals hänge:

If you are not really right in your head, then don’t sit next to me, please!

Diesen Mix aus Deutsch-Englisch und Programmiersprache muss doch einfach jeder verstehen oder???


Wenn’s Taschengeld nicht reicht…

Dezember 30, 2008

Ich hoffe, Ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest! Alle Münchner konnten sich über die Weihnachtsfeiertage über halbwegs gutes Wetter freuen und nachdem ich Geburtstag und Weihnachtsfeiertage ohne allzu große Gewichtszunahme hinter mich gebracht habe, sitze ich seit gestern wieder im Büro – mehr oder weniger alleine.

Und so fühle ich mich unweigerlich an Ludwig XIV. Ausspruch „L’Etat c’est moi“ (der Staat bin ich) erinnert: „La rédaction c’est moi!“

Dass das Fest der Liebe bereits wieder hinter uns liegt, konnte ich heute Morgen ganz gut in der S-Bahn beobachten: Während ich versuchte, mich auf mein Buch zu konzentrieren, drang plötzlich eine in den letzten Zügen des Stimmbruchs liegende Jungenstimme an mein Ohr: „Ja Mami, Papa hat gesagt, dass wir hinten einsteigen sollen.“

Ich versuchte, weiter zu lesen, aber die Stimme, die immer lauter ins Handy rief, ließ sich schwer überhören. Und so durfte ich mir den Rest des Gesprächs auch noch anhören:

„Mami, hast du noch mein Portemonnaie in Deiner Tasche?“

Pause und angestrengtes Zuhören, wie ich durch einen Blick zur Seite erkennen konnte.

„Du hast es nicht? Aber du hast es doch gestern eingesteckt und ich hab’s doch nicht wieder raus genommen.“

Wieder Pause.

„Nein, ich habe es noch nicht gesucht, ich dachte ja, dass es bei dir wäre.“

Pause. Man kann sich lebhaft vorstellen, was die Mutter am anderen Ende der Leitung für Vorhaltungen macht.

„Hm, kannst Du mir dann Geld leihen? Ich muss ja die Speicherkarte umtauschen und ich weiß nicht, ob die neue teurer als die alte ist.“

Pause, Pause. Die Vorhaltungen scheinen noch etwas länger zu werden. Und dann zum Abschluss:

„Okay, danke Mami. Dann bis gleich!“

Während ich noch neidisch dasitze und mir überlege, warum mir vor 20 Jahren nicht so blendende Ausreden eingefallen sind, um Geld zu erbetteln, höre ich auch schon eine zweite Jungenstimme anerkennend sagen: „Nicht schlecht.“

Dass da zwei Jungen sind, hatte ich bei dem kurzen Blick gar nicht gesehen. Dieser kurze Ausspruch führt auf jeden Fall dazu, dass Junge Nr. 1 nur ein verschämtes „Pscht“ von sich gibt. Erstaunlich: Erst wird ganz dreist gelogen, aber wenn es jemand mithören könnte, ist es dann doch wieder peinlich.

Eigentlich nur schade, dass Mami oder Papa nicht in Hörweite gesessen haben…


Handbuch zur S-/U-Bahn-Automaten-Nutzung

Dezember 1, 2008

Ja, ich finde die Bedienung der Automaten der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund GmbH (kurz MVV) auch etwas kompliziert, aber was ich heute Morgen erlebt habe, bestärkt mich einmal mehr in der Vermutung, dass die Menschheit zunehmend verblödet beziehungsweise regelmäßiger Fernsehkonsum unweigerlich seine Spuren hinterlässt.

Denn mein Tag fing heute so an:

Um 7.10h fuhr ich wagemutig mit dem Roller zur S-Bahn. Interessantes Fahrgefühl, wenn rechts und links am Straßenrand Schnee liegt und man trotzdem auf einem Sommergefährt wie einem Roller sitzt. Aber ich kam ohne ins Rutschen zu kommen oder von Autofahrern übersehen zu werden an der S-Bahn an.

Wenn ich schon wirklich wach gewesen wäre, wäre meine Laune schlecht gewesen, aber da alles vor 9 Uhr für einen Redakteur außerhalb einer messbaren Zeitzone liegt, war ich einfach nur gar nicht gelaunt. Bis ich vor dem MVV-Automaten stand. Und zwar einer von den Automaten, bei dem man nicht bar, sondern nur mit Karte zahlen kann. Meine S-Bahn konnte jede Minute kommen und vor mir sah ich eine Mischung aus Samson aus der Sesamstraße und Sido (ohne Maske).

Samson-Sido schien ernste Probleme mit der Bedienung haben. Ich verstehe ja, dass man sich mal vertippen kann, als er die verlangte Kundennummer aber das dritte Mal falsch eingegeben hatte, konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass er absichtlich den Automaten blockierte. Schließlich schien er ja nicht zum ersten Mal mit der S-Bahn zu fahren, wenn er sogar über eine Kundennummer verfügte. Als ich gerade meine Hilfe anbieten wollte (mittlerweile hatte meine Laune ihre Neutralitätsstufe verlassen), um auch noch rechtzeitig vor dem Eintreffen der S-Bahn eine Karte kaufen zu können, hatte er es endlich geschafft. Die Nummer passte. Doch danach musste auch Samson-Sido passen.

Denn der Automat verlangt an dieser Stelle die Eingabe einer Geld- oder EC-Karte. Nun gut, die Bedienung von dem Automaten ist – wie schon erwähnt – eher schlecht, denn der Karteneinschub ist nicht deutlich gekennzeichnet. Aber wenn es auf der ganzen Automaten-Frontseite nur einen einzigen Einschub gibt, kann man doch eigentlich gar nicht falsch machen oder?

Samson-Sido verließ auf jeden Fall fluchend den Automaten und ich kam rechtzeitig an meine Fahrkarte.

Mich würde interessieren, ob die Kontrolleure das Nicht-Bedienen-Können als Ausrede beim Schwarzfahren akzeptieren und ob ich eine Marktlücke erwische, wenn ich „Das große Handbuch zur S-/U-Bahn-Automaten-Nutzung“ herausgebe…