Herr P.

Geschichte 3: Der Traum

Von vielen Kugeln getroffen, sackte Herr P. tödlich zusammen, froh dem Entsetzen, das er während seiner letzten Lebensminuten verspürt hatte, zu entkommen, verwundert darüber, daß er trotz der vielen Pistolenkugeln, die seinen Körper durchbohrten, keinen Schmerz empfand.

Verwirrt rieb sich P., der diesem unliebsamen Alptraum schließlich durch Aufwachen entkommen war, die Augen, setzte sich schweißgebadet in seinem Bett auf und versuchte zu ergründen, warum ihn seit Tagen jede Nacht derselbe Traum plagte. Nichts in seinem bisherigen Leben konnte diesen furchtbaren Traum erklären und doch kehrte er jede Nacht aufs neue detailgetreu wieder.

P. war das Opfer einer Geiselnahme, die sich in einem Linienbus, den er auch tatsächlich jeden Tag benutzte, um zur Arbeit zu gelangen, ereignete und die damit endete, daß er erschossen wurde, um die Polizei zum Einlenken zu bewegen. P. beschloß an diesem Morgen, diesem Traum endgültig ein Ende zu setzen und verbrachte den restlichen Tag damit, sich aus dubiosen Quellen eine Schußwaffe zu besorgen, was für ihn mit einigen Komplikationen verbunden war, denn er kannte sich im Kriminellenmilieu seiner Stadt überhaupt nicht aus. Da er jedoch in einer Großstadt wohnte, brauchte er sich nur in den richtigen Stadtteil zu begeben und war am späten Nachmittag im Besitz einer ziemlich veralteten, aber funktionstüchtigen Pistole. Die Zeit bis zum Zubettgehen verbrachte er damit, herauszufinden, wie man dieses Gerät bediente, was ihm, als treuen Tatort-Gucker, schließlich gelang.

Auch in dieser Nacht stellte sich der Traum, auf den wirklich Verlass war, wieder ein. P. verließ mit einer Aktentasche, in der er heute statt seiner Arbeitsmaterialien die Pistole versteckt hatte, früh am Morgen die Wohnung und nachdem er kurze Zeit an der Haltestelle gewartet hatte, erschien auch der ihm wohlbekannte Bus.

Er stieg ein und nahm seinen gewohnten Platz, hinten links am Fenster, ein. Zwei Haltestellen später stiegen, wie an jedem Tag, die Entführer ein, deren Antlitz P. schon bestens vertraut war. Mit einem Lächeln auf den Lippen wartete P., der ja als einziger Fahrgast genau wußte, was nun kommen würde, darauf, daß sie ihre Waffen ziehen und erklären würden, daß es sich um eine Geiselnahme handele und jede Gegenwehr zwecklos sei.

Kaum hatte P. diesen Gedanken zu Ende gedacht, als genau das, was er vorausgesagt hatte, eintraf. Mit der üblichen Pünktlichkeit setzte ein allgemeines panisches Gekreische ein, in das P. als einer von wenigen nicht einstimmte, da ihm die Szenerie ja schon bekannt war. Gelangweilt hörte sich P. nun bestimmt schon zum zehnten Mal die Forderungen der Entführer an, nämlich die Freilassung sämtlich inhaftierter Terroristen und einen eigenen Staat, in dem diese Menschen fortan, ohne sich der ständigen Verfolgung durch den Staat ausgesetzt zu wissen, in aller Ruhe und Frieden leben konnten. Besonders dieses in Ruhe und Frieden leben, belustigte P., der sich nicht vorstellen konnte, wie hunderte von Terroristen auf einem Haufen leben sollten, ohne auftretende Streitigkeiten oder Meinungsverschiedenheiten mit Waffengewalt zu lösen.

P., der wußte, daß in den folgenden Stunden sowieso nichts geschehen würde, hatte natürlich vorgesorgt und packte in aller Ruhe ein mit Pflaumenmus beschmiertes Brötchen aus, das er jetzt genüßlich verzerrte. Was ihn lediglich ein wenig störte, war das kindische Gewimmer der anderen Businsassen und am liebsten hätte er ihnen zugezischt, daß sie das Gejammer ruhig lassen könnten, da es sich doch sowieso nur um einen Traum handelte, den sie unbeschadet überstehen würden. Schließlich sei er ja die einzige Person, die man jede Nacht schlecht behandelte und erschoß. Aber er wollte den Traum noch nicht zu früh verändern und unnötig auf sich aufmerksam machen und so schwieg er und harrte stumm der Dinge, die sich bis auf die winzigste Kleinigkeit und mit der schönsten Regelmäßigkeit wiederholten.

Zuerst meldete sich das Kind, das wohl den Ernst der Lage nicht genau verstanden hatte, zu Wort und verlangte energisch, auf die Toilette gehen zu dürfen. Die entsetzte Mutter herrschte es daraufhin sofort an, ruhig zu sein, da es sonst auf seine tägliche Sesamstraße verzichten müsse. Dieses Eingreifen besänftigte auch die Terroristen, die sich nicht näher gezwungen sahen, dem Kind begreiflich machen zu müssen, daß es, wenn es weiter nörgeln würde, nie mehr irgendwohin gehen würde.

Interessiert beobachte P. die Armee von Polizisten, die nun in einiger Entfernung zum stillstehenden Bus Position bezogen hatte und darauf wartete, daß die Terroristen endlich erkennen würden, daß niemand gewillt sei, ihre lächerlichen Forderungen zu erfüllen. Die nächsten Stunden verstrichen ziemlich ereignislos. Die einzige Abwechslung bot ein etwas älterer Fahrgast, der beim Lesen des Playboys einen Herzinfarkt erlitt und der es sich nicht nehmen ließ, während er den Bus verlassen durfte, grinsend ein Victory-Zeichen mit den Fingern zu formen. Nach einer kurzen Rangelei, die um den zurückgebliebenen Playboy entstanden war, wurde es wieder völlig ruhig im Bus. Die übrigen Businsassen nutzten die geschenkte freie Zeit um ihre Nägel zu feilen oder in der Nase zu bohren.

Die Terroristen indessen wurden langsam unruhig und P. wußte, daß er nun nicht mehr lange warten mußte, bis sie ihn nach vorne zerren würden, um die Polizei endlich zur Einsicht und zur Erfüllung ihrer Forderungen zu bewegen. P. holte vorsichtig seine Pistole aus der Tasche und versteckte sie in seiner Jackentasche, um sie sofort griffbereit zu haben. Außerdem aß er noch ein weiteres Brötchen, um sich kurz vor dem nun bald einsetzenden Show-Down ein wenig zu stärken. Er hatte gerade die letzten Krümel heruntergeschluckt, als sich auch schon der ihm mittlerweile bestens bekannte Anführer der Geiselnehmer-Gruppe näherte und ihn unfreundlich aufforderte, mit nach vorne zu kommen.

Widerstandslos ging P. mit ihm mit und mußte einmal erleben, daß die Polizei sein Leben als nicht so bedeutend ansah, das sie sich genötigt gesehen hätte, auf die Wünsche der Terroristen einzugehen. P. sah nun die Zeit seines Eingreifens gekommen, denn er wußte, daß ihm jetzt nur noch wenige Sekunden bleiben würden, bis die nicht gerade sehr freundlichen Busbesetzer das Feuer auf ihn eröffnen würden.

Das letzte, was P. in seinem Leben ärgerte, war die Tatsache, daß er vergessen hatte, Munition in seine Pistole zu füllen.

Von vielen Kugeln getroffen, sackte P. tödlich zusammen, froh der Langenweile, die er während seiner letzten Lebensminuten verspürt hatte, zu entkommen, verwundert darüber, daß er durch die vielen Pistolenkugeln, die seinen Körper durchbohrten, einen solchen Schmerz empfand.


Geschichte 2: Komprimierung der Arbeit

Stirn runzelnd blickte Herr P. an diesem Morgen auf einen riesigen Berg schmutzigen Geschirrs, der sich in der allerschönsten Unordnung neben seiner Spüle angesammelt hatte und einen Duft verströmte, bei dem man normalerweise eine tote Katze im Küchenschrank vermuten würde.

Ebenso Stirn runzelnd begab er sich an die Arbeit, versuchte, sich ein geeignetes Konzept zurechtzulegen, um dem Geschirrturm auf leichtmöglichste Art Herr zu werden und – verfluchte innerlich seinen ersten Urlaubstag.

Während der nächsten zwei Stunden, die er vollends mit der Reinigung des Geschirrs und dem Niederkämpfen des Würgereizes verbrachte, überlegte er sich, wie er solch unliebsamen Arbeiten am besten ausweichen könne.

Eine Putzfrau kam für ihn nicht in Frage. Zum einen verbot ihm sein antrainierter Geiz, Geld für eine Person zu verschwenden, die neugierig seine ganze Wohnung durchstöbern würde und zum anderen hasste er es, ohne Unterbrechung mit dem neuesten Straßenklatsch unterhalten zu werden. Obwohl Herr P. noch nie eine Putzfrau besessen hatte, hatte er sehr genaue Vorstellungen von ihr – aber ein paar Vorurteile muss man wohl jedem Menschen zugestehen.

Wenige Sekunden verschwendete P. sogar mit dem Gedanken, ob es nicht ratsamer wäre, zu heiraten, da er überzeugt davon war, dass eine Ehefrau billiger als eine Putzfrau sei – aber sogleich verwarf er diesen Gedanken angeekelt. Denn Herr P. wusste aus den wenigen Kinofilmen, die er gesehen hatte, dass Frauen hinterlistige Luder waren, die nur den richtigen Zeitpunkt abwarteten, um ihren Ehemann hinterrücks und mit so viel Schmerzen wie möglich, zu ermorden.

Außerdem interessierten ihn Frauen ungefähr genauso viel, wie ein gutes
Buch – in der gesamten Wohnung P.s befand sich bis auf das Telefonbuch nicht ein einziges Buch – und des weiteren musste er bei einer selbstkritischen Betrachtung zugeben, dass er wohl keine Chance hatte, eine Frau zu bekommen, die ihr Leben mit ihm teilen würde. Es sei denn, sie wäre blind, was aber statt einer Arbeitserleichterung nur noch mehr Arbeit und Komplikationen für P. bedeutet hätte. Alternativ blieb ihm für die Eroberung einer Frau nur ein riesiger Lottogewinn, um wenigstens aus kapitalistischer Sicht einen Anreiz zu bieten.
P. schüttelt amüsiert den Kopf – nein, keine Frau, selbst die hässlichste und dümmste, käme wohl freiwillig auf die Idee, ihn zu heiraten. Lediglich die Androhung von Gewalt hätte bei ihm wohl zum gewünschten Erfolg geführt, aber P. war klug genug um zu wissen, dass Drohungen und Gewalt eine schlechte Ausgangsbasis für eine Ehe sind und deshalb verwarf er diesen Gedanken endgültig.
Als er mit dem Abwasch fast fertig war, kam ihm schließlich doch noch eine Idee, die so einfach und brillant war, dass er es nicht fassen konnte, nicht schon früher auf diese Idee gekommen zu sein. Wozu war er schließlich ein begnadeter Techniker, der fast immer eine Lösung für schwierige technische Probleme gefunden hatte?
Er beschloss, einen Schalter zu erfinden, mit dem man per Knopfdruck Arbeiten erledigen lassen konnte, die man zu einem ganz anderen Zeitpunkt bereits gemacht hatte. Die Arbeit selbst musste dann zwar immer noch erledigt werden, aber P. war gerne bereit, einmal eine ganze Woche mit Abwaschen beschäftigt zu sein, wenn er dafür viele Wochen von dieser Arbeit befreit wäre.
Gut gelaunt machte Herr P. sich sofort an die Arbeit, fand in
seinem Keller auch alle Materialien, die er benötigte und hatte nach zwei Tagen intensiven Bastelns einen Schalter fertig, der ihm gelungen zu sein schien.
Neugierig machte er sich daran, das Gerät auszuprobieren. Zuerst wusch er ab. Da kein dreckiges Geschirr vorhanden war, musste P. es erst schmutzig machen, um es dann abwaschen zu können. Diesen Arbeitsvorgang speicherte er bis auf den letzten Arbeitsschritt in den Schalter hinein, machte erneut Geschirr schmutzig, drückte auf den Knopf und wartete ab, was geschah.
P. musste erkennen, dass er auf manchen Gebieten ein richtiges Genie war, denn Sekunden später war das gesamte Geschirr verschwunden und stand strahlend im Küchenschrank. Hätte er einen Freund gehabt, wäre er mit diesem vor Freude jauchzend durch die Küche gesprungen – so musste er dies ganz alleine tun.
Herr P. benutzte seinen gesamten Urlaub mit dem Verrichten ungeliebter Putzarbeiten, verwendete einen ganzen Tag damit, mit dem Bus immer wieder in die Stadt zu fahren und einzukaufen, bis ihm das Geld langsam ausging und stellte am Ende des Urlaubes fest, dass er wohl die nächsten Wochen Ruhe vor jeder Art des Putzens, Einkaufens etc. haben würde. Gerne hätte er übrigens auch die Zahnarzt-Besuche der nächsten zehn Jahre an einem Tag erledigt, aber der Blick, den ihm die Sprechstunden-Hilfe seines Zahnarztes zuwarf, als er das dritte Mal an einem Tag in die Praxis kam, zeigt ihm, dass dies keine gute Idee war.
Trotzdem verliefen die nächsten Wochen von P.s Leben zu seiner völligen Zufriedenheit. Die Wohnung sah immer aufgeräumt aus, niemals erlebte er jetzt diese Augenblicke, die
er früher ständig erlebt hatte, nämlich einen leeren Kühlschrank am Wochenende und die damit verbundene Zwangsdiät und ähnliche Überraschungen dieser Art, die einem Single, der mitten im Stress des Berufslebens steht, täglich widerfahren.
Leider merkte Herr P. viel zu spät, dass ihm bei der Konstruktion des Schalters ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen war. Der Schalter zeigte ihm nämlich nicht an, wie hoch das Guthaben der verrichteten Arbeiten noch war und gab damit auch nicht Bescheid, wann er diese Arbeiten aufs Neue ausführen und abspeichern musste.
Als P. deshalb an diesem Morgen frohgemut auf den Knopf drückte, um das Geschirr sauber im Schrank verschwinden zu lassen, erlebte er, da sein Abwasch-Guthaben auf Null gesunken war, eine fatale Umkehrreaktion. Die Küche füllte sich innerhalb weniger Sekunden mit dem Berg Geschirr, den P. insgesamt in den Schalter hineingespeichert hatte.

Und dies war, wie er in der kurzen Zeit, die er noch zu leben hatte, bemerkte, eine ganze Menge gewesen. Während P. von Tellern, Töpfen und anderen Küchengeräten erstickt und erschlagen wurde, blieb ihm noch Zeit genug, um zu bedauern, dass er nicht wenigstens den Versuch unternommen hatte, eine Frau zu finden. Denn diese hätte ihm vielleicht doch nur die Nerven, nicht aber das Leben geraubt.

Geschichte 1: FAUL

Herr P. war nicht einfach nur faul, er war sogar sehr faul. Er war so faul, dass er noch nicht einmal mit Menschen reden mochte, da er dafür seinen Kiefer hätte bewegen müssen.

Warum er so faul war, wird wohl ewig unergründbar bleiben, denn Gedanken über sich selbst machte sich Herr P. des großen Aufwands wegen nie. Leider vermieden es aber auch andere Personen seines kleinen Verwandten- und Bekanntenkreises, darüber nachzudenken. Die Antwort auf die Ursache von P.s Faulheit zu finden, bereitete nämlich jedem normal denkenden Menschen ähnliche Probleme, wie der Versuch, sich die Grenze des Weltalls vorzustellen.
Auf jeden Fall wies Herr P. bereits in seiner Kindheit abnormale Verhaltenszüge auf, die aber von keinem Menschen seines näheren Umkreises beachtet wurden. Vielleicht, weil allgemein noch die Hoffnung bestand, dass er sich im Laufe der Zeit schon ändern würde, vielleicht aber auch, weil Jeder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um auf die Eigentümlichkeiten eines Mitmenschen acht zu geben.
Seine Mutter runzelte nur angewidert die Stirn, als P.s drittes Meerschweinchen hintereinander verstarb, weil er wieder einmal zu faul gewesen war, dem armen Tier etwas zu fressen hinzustellen, auf der anderen Seite aber hysterische Schreikrämpfe bekam, wenn seine Mutter dem Meerschweinchenkäfig näher als hundert Zentimeter kam. Die Mutter löste das Problem auf der für sie typischen Weise: P. bekam einfach kein viertes Meerschweinchen.
Dies war umso erstaunlicher, da er seine gesamten Energiereserven zusammengenommen und seine Eltern sogar zweimal um ein neues Tier gebeten hatte. Das heißt, um ehrlich zu sein, er fragte nur zwei halbe Male. Das eine Mal stand er eine geschlagene Stunde mit unbewegter Miene zwischen seinen Eltern und dem Fernseher, nicht bereit, auch nur durch Kopfnicken zu erkennen zu geben, dass er sie sah oder ihre Stimmen hörte. Lediglich eine um seinen Körper geschlungene Fahne, die – wie man mit einiger Fantasie erkennen konnte – ein Meerschweinchen mit treuherzig blickenden Augen zeigte – ließ darauf schließen, dass er in Meerschweinchenfragen anders dachte als seine Eltern.

Da diese sich nun wirklich Sorgen um den geistigen Gesundheitszustand ihres heiß und innig geliebten Sohnes machten – wir wollen natürlich annehmen, dass sich P.s Eltern hin und wieder doch eifrig bemühten, P. zu lieben und wir versuchen zu glauben, dass bei P. Dinge wie „Geist“ und „Intellekt“ existierten – und dafür sogar ihren über alles geliebtesn Musikantenstadl ausfallen ließen, muss man neidlos anerkennen, dass P. wenigstens manchmal in der Lage zu sein schien, sich in das Wesen seiner Mitmenschen hineinzudenken. Und dass er wirklich nichts unversucht ließ, um ein neues Meerschweinchen zu bekommen.
Der Erfolg war auf jeden Fall wenig zufrieden stellend. Als P.s Eltern endlich erkannten, dass sein Geistes- oder auch Geistes-Nicht-Zustand sich auf jeden Fall nicht verschlechtert hatte, teilten Sie mit Freude P.s verlängertem Rücken mit, dass es in Meerschweinchenfragen keine weiteren Diskussionen geben werde, keine weiteren Standpunktfragen erörtert werden müssten und das weiteres Intervenieren seitens P. nur das häusliche Klima zu einer Klimakatastrophe eskalieren lassen würde.

Trotzdem wagte P. noch einen weiteren Vorstoß, der allerdings auch nicht als richtiger Sieg verbucht werden konnte: Seine Eltern konnten nämlich die Idee, in die frisch gestrichene Wohnzimmerdecke einen stabilen Karabiner anzubringen und sich von diesem mit einem Seil an den Füßen kopfüber ins Wohnzimmer hängen zu lassen, nicht wirklich komisch finden. Dies hatte wiederum zur Folge, dass auch P. nichts zu lachen hatte, da sie ihn aus seiner misslichen Lage nicht befreiten.

Aber er hatte noch eine letzte Trumpfkarte, weshalb diese Aktion auch nicht mit einer vollständigen Niederlage endete. Als er nämlich meinte, der Kopf müsste ihm vom vielen nach unten Hängen platzen, beschloss sein Magen, der Explosion des Kopfes zuvorzukommen und entlud sich auf dem neuen Teppich und der ebenfalls neuen, mit Blümchen übersäten 6-teiligen Couchgarnitur. Diese war übrigens ein Super-Sonderangebot des örtlichen Möbelhauses gewesen. Obwohl P. zu seinem Bedauern nicht alle Sesselelemente traf, erfüllte ihn die hysterische Reaktion seiner Eltern mit einem bis dahin nicht gekannten Stolz. An der Meerschweinchensituation änderte sich jedoch trotzdem nichts und so verlebte P. die restlichen Jahre seines Lebens ohne diese Tiere.
Wir wollen uns aber in Erinnerung rufen, dass dies nur unbedeutende Episoden seines Lebens waren, die so oder so ähnlich, auch in den besten Familien vorkommen.
Wie P. trotz seiner abgrundtiefen Faulheit überhaupt überleben konnte, ist ebenfalls eines der vielen unerklärlichen Phänomene, mit denen wir jeden Tag auf der Erde konfrontiert werden. Vielleicht lag es daran, dass seine Eltern relativ lange auf der Erde verweilten und er auch mit weit über fünfzig Jahren noch im Hause seiner Eltern wohnte, ohne auch nur eines Minute seines Lebens damit verbracht zu haben, einer Arbeit oder etwas Vergleichbarem nachzugehen.
Seine Eltern gaben es irgendwann auf, sich Gedanken um P. zu machen, und als sie mit zunehmendem Alter immer seniler wurden, bestand ihr gesamter Tagesablauf darin – sofern sie in der Lage waren, miteinander zu kommunizieren – sich gegenseitig Vorwürfe P.s wegen zu machen.
P.s Vater beharrte felsenfest auf der Meinung, dass P.s Mutter die alleinige Schuld an der Existenz ihres Sprösslings trage. Immerhin war sie es gewesen, die ihren Gatten am zehnten Hochzeitstag gezwungen hatte, diese absonderlichen, obszönen Dinge im ehelichen Bett zu treiben, die dann schließlich neun Monate später zu P.s Geburt geführt hatten.
P.s Vater war nämlich überzeugt, dass man diese Dinge einfach nicht tat, und P. selbst schien ihm der aussagekräftigste Beweis zu sein, dass er mit seiner Theorie richtig lag. Dafür verweigerte er die restlichen Jahre ihrer insgesamt fast fünfundsechzig Jahre dauernden Ehe auch o. g. Handlungen, und verschonte dadurch glücklicherweise sich und seine Umwelt vor weiteren Menschen wie Herrn P.
P.s Mutter dagegen gab ihrem Mann die komplette Schuld an P.s Verhalten und war durch nichts von der Meinung abzubringen, dass P.s Vater seinem Sohn einfach nur zu viele männliche Hormone mitgegeben hatte. Männliche Hormone waren für P.s Mutter nämlich unwiderruflich mit der Eigenschaft der Faulheit verbunden.
Das hinderte sie aber nicht an dem Wunsch, einen zweiten Versuch zu unternehmen, da sie felsenfest überzeugt war, dass der erste Versuch im Leben immer schief gehen muss. Dieses Unterfangen scheiterte jedoch an der hartnäckigen Weigerung von P.s Vaters, der sich jedem Annäherungsversuch geschickt widersetzte. Auch der Einwand von P.s Mutter, dass sie beim ersten Anblick P.s fast einen tödlichen Schock bekommen und sofort für eine Freigabe zur Adoption gewesen war, konnte ihren Mann nicht umstimmen.
Eine Freigabe zur Adoption hatte P.s Vater aus moralischen Gründen abgelehnt, da seine Eltern ihm die Lebensweisheit mitgegeben hatten, dass jeder Mensch einen nur für ihn konzipierten Leidensweg habe, dem er sich ohne Kompromisse stellen müsste. Da er jedoch nicht den Wunsch verspürte, dass sich sein persönlicher Leidensweg durch die Geburt eines zweiten Herrn P. verdoppelte, beschloss er, alles Menschenmögliche zu tun, um das Zustandekommen von P. II zu verhindern.
Die Ursache der lauten Meinungsverschiedenheiten wuchs in der Zwischenzeit heran, ohne sich jemals ungeliebt oder überflüssig zu fühlen, und ohne jemals auch nur eine Millisekunde über einen Auszug nachzudenken. Sein Leben wäre wohl ewig so ereignislos vor sich hin geplätschert, wenn nicht eines Tages ein für ihn völlig unvorbereitetes Ereignis eingetreten wäre: seine Eltern verstarben im Alter von immerhin fast neunzig Jahren.

Im Nachhinein konnte dann auch wirklich niemand reinen Gewissens behaupten, dass P. an ihrem Ableben schuldig wäre, denn es ließ sich nicht nachweisen, dass er – und noch dazu mit Absicht – den Gashahn des elterlichen Herdes aufgedreht hatte. Der Polizeiobermeister, der noch dazu ein Bekannter P.s Eltern war und mit den Lebensgewohnheiten P.s vertraut war, schloss es mit Sicherheit und ohne auch nur den Hauch eines Zweifels zu haben, aus, dass P. den besagten Hahn aufgedreht habe, der dann schließlich zu einem schnellen und schmerzlosen Tod der Eltern geführt hatte.

Polizeiobermeister W. begründete seine Überzeugung mit dem einfachen Argument, dass P. dafür viel zu faul sei. Außerdem fehlte für eine Tötungsdelikt auch jegliches Motiv, denn ohne seine Eltern musste sich P. von nun an den Widrigkeiten des Lebens – wie einkaufen, kochen, Rechnungen bezahlen und vieles mehr – alleine stellen. Im Verlauf der Ermittlungen kamen auch die anderen Polizeibeamten zu dem Ergebnis, dass P. zwar ein extrem abscheulicher Mensch war, dass ihn aber sein sehr ausgeprägter Sinn für Faulheit vor einer Tat wie dieser zurückgehalten hätte.
Böse Zungen behaupteten dagegen, sie hätten sich an Stelle von P.s Eltern schon am Tage seiner Geburt umgebracht oder besser noch vor seiner Geburt und waren felsenfest davon überzeugt, dass es sich nur um einen sehr viel zu spät verübten Selbstmord handeln konnte.
Wie dem auch sei: Fortan musste Herr P. im Leben ohne seine Eltern zu Recht kommen. Und da er sich zum ersten Mal in seinem Leben selbst um etwas kümmern musste, wurde er schon bald von einer großen Anzahl an Problemen konfrontiert, deren größtes die Beerdigung seiner Eltern war. Die komplette Verwandtschaft P.s war entweder schon gestorben oder ins Ausland gezogen und weigerte sich vehement, ihm bei den nun nötigen Schritten zu helfen. So entschied sich Herr P. aus Bequemlichkeitsgründen für ein anständiges Seegrab, da er auf diesem Wege den Begräbnisfeierlichkeiten aus dem Weg gehen konnte. Denn jede Person in dem kleinen Bekanntschafts- und Verwandtschaftskreis seiner Eltern wusste, dass er im höchsten Grade seekrank war. Aus diesem Grund wohnte P. also der Beerdigung seiner Eltern nicht bei und wurde auch von niemandem vermisst.
Es machte sich auch nicht eine einzige Person Gedanken darüber, wie P. sein zukünftiges Leben wohl bestreiten würde. Jeder wusste, dass er durch ein nicht unerhebliches Erbe finanziell abgesichert war.

Seine Patentante Agathe, die mittlerweile in Kanada lebte und schon vor vielen Jahren entsetzt den Kontakt zu P.s Eltern abgebrochen hatte, da sie sich ernsthaft davor fürchtete, ihrem Patenkind ein vorzeitiges und gewaltsames Ende zu bereiten, war der Meinung, dass der Tod von P.s Eltern leider viel zu spät eingetreten sei. Sie war der festen Meinung, dass bei einem direkten Ableben kurz nach P.s Geburt noch die Hoffnung bestanden hätte, dass der Tod der Eltern zu spät bemerkt worden und P. bereits im zarten Kindesalter seinen Eltern in die kalte Erde gefolgt wäre. Dann hätte er nach Tante Agathes Ansicht zwar sein Leben, nicht aber sein Seelenheil verloren, das für sie nun wirklich unrettbar schien. Auch wenn diese Aussage herzlos klingt: Alle Menschen, die Herrn P. kannten, stimmten der Tante vorbehaltlos zu.
Trotz alledem muss man zunächst anerkennen, dass P. die ersten Tage nach dem Tod seiner Eltern erstaunlich gut meisterte. Er aß dreimal am Tag Pizza, die er sich von einem Pizza-Bringdienst direkt ans Bett bringen ließ. Die Haustür ließ er aus diesem Grunde den ganzen Tag geöffnet, damit er nicht in die Verlegenheit kommen konnte, sich aus seinem Bett erheben zu müssen, um Haustüre zu öffnen.
Das Äußerste, was Herr P. sich an körperlicher Anstrengung zumutete, war der tägliche Gang zur Toilette. Er schob dieses menschliche Bedürfnis allerdings immer so weit wie nur irgend möglich heraus, da jede Körperbewegung nur seinen Kalorienverbrauch erhöht hätte, was wiederum zu einem verstärkten Hungergefühl und damit verbunden zu einer weiteren Nahrungsmittelaufnahme geführt hätte.
Eines schönen Tages schien P. jedoch die Anstrengung, die mit dem Pizza-Essen verbunden war, über den Kopf zu wachsen. Schließlich musste er zuerst den Bringdienst anrufen, dann bezahlen und letztendlich das Bestellte auch noch essen. Vielleicht schmeckte ihm die Pizza auch einfach nicht mehr…
Das einzige, was sich sicher sagen lässt, ist, dass Herr P. das Telefon nicht mehr ganz so häufig in die Hand nahm.
Sensiblen Menschen sei zu diesem Zeitpunkt des Geschehens empfohlen, nicht weiter zu lesen, denn in den folgenden Zeilen wird sich eine Tragik ungeheuren Ausmaßes abspielen. Personen mit Herz-Kreislaufproblemen, die die Lektüre auf gar keinen Fall unterbrechen wollen, wird geraten, nur im Beisein eines Arztes weiter zu lesen.

Aber kommen wir zurück zu Herrn P.: Ein großes deutsches Telekommunikationsunternehmen – von dem viele Menschen wünschten, sich niemals Aktien gekauft zu haben – kappte nach diversen unbezahlten Rechnungen und diversen unbeantworteten Mahnbriefen P.s Telefonanschluß (Warum P. den Dauerauftrag seiner Eltern nicht übernommen hatte, weiß nur der allmächtige Gott der Telekommunikation. Da dessen Leitungen bei unseren Nachforschungen immer besetzt waren, können wir leider ein weiteres Mal keine zufrieden stellende Antwort anbieten). Durch diesen im Regelfall unbedeutenden Handgriff eines Angestellten des Telekommunikationsunternehmens, war P.s Schicksal von einer Minute zur anderen besiegelt.
Ein Pizzabote, der von seinem Chef mit einer extragroßen Pizza nach Art des Hauses in P.s Wohnung geschickt worden war, um den einstmals so guten Kunden wieder zurück zu gewinnen, fand Herrn P. fünf Monate nach dem Begräbnis seiner Eltern leblos und zum Skelett abgemagert in seinem Bett liegen.
Der bemitleidenswerte Pizzabote ist auch der einzige, dem P.s Tod zu schaffen machte und der wegen des grauenhaften Anblicks bleibende Schäden zurückbehalten wird. Glücklicherweise gab uns die psychiatrische Klinik, in der sich der Bote momentan befindet, die Auskunft, dass er sich kontinuierlich auf dem Wege der Besserung befinde und bald wieder in der Lage sein werde, eine Pizza zu essen.

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